Interessengemeinschaft der Unternehmer kleiner und mittlerer Betriebe e.V.
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Ein schneller Blick auf den Transport der Zukunft - Der Hyperloop (inhalte 1/2018)

  • Von Berlin nach München in 30 Minuten? Schon in wenigen Jahren soll das möglich sein: Mit der Hyperloop-Technologie. Um die 600 Kilometer in einer halben Stunde zu bewältigen, müssten sich die Transportkapseln mit 1200 Kilometern in der Stunde durch eine Vakuum-Röhre bewegen. An diesem kühnen Vorhaben feilen Unternehmen auf der ganzen Welt.

    Der Hyperloop ist das Konzept eines Hochgeschwindigkeitstransportsystems, wobei eine Magnetschwebebahn in einer Röhre mit Unterdruck befördert wird. Der Hyperloop ähnelt dem Transrapid, nur dass bei diesem keine evakuierten Röhren verwendet werden. Es sollen nach dem Konzept der Rohrpost durch Solarenergie elektrisch getriebene Transportkapseln mit Reisegeschwindigkeiten von bis zu etwa 1125 km/h auf Luftkissen durch eine teilevakuierte Röhre befördert werden. 

    Die Firma Hyperloop One veröffentlichte im Juni 2017 unter dem Titel Vision for Europe insgesamt neun Konzepte für potentielle Hyperloopstrecken in Mittel- und Westeuropa.

    Die längste der projektierten Routen sieht einen kreisförmigen Streckenverlauf vor, der die Städte Berlin, Leipzig, Nürnberg, München, Stuttgart, Frankfurt, Köln und Hamburg miteinander verbinden soll. Der Hyperloop soll die 1991 km lange Strecke in 142 Minuten befahren, wobei die voraussichtliche Fahrtzeit für Berlin-Leipzig mit 14 min, Leipzig-Nürnberg mit 20 min, Nürnberg-München mit 12 min, München-Stuttgart mit 17 min, Stuttgart-Frankfurt mit 15 min, Frankfurt-Köln mit 14 min, Köln-Hamburg mit 30 min und Hamburg-Berlin mit 20 min angegeben wird.

    Die Geschichte:
    Der Unternehmer Elon Musk (s.a Tesla & Space X) stellte das Konzept im August 2013 vor. Damit ist es laut Musk möglich, auf Strecken von bis zu 1500 Kilometern deutlich schneller und umweltfreundlicher als mit dem Flugzeug und gleichzeitig deutlich günstiger als mit der Bahn zu reisen.

    Die Technik:
    Laut dem Konzept sollen auf Stahlbetonstützen zwei nebeneinander liegende Fahrröhren aus Stahl, in denen ein Teilvakuum herrscht, gebaut werden. Darin sollen Kapseln bewegt werden, in denen jeweils bis zu 28 Passagiere Platz finden oder die in einer größeren Variante auch Autos oder andere Lasten transportieren können. Sie sollen reibungsarm auf Luftpolstern gleiten, die durch einen Kompressor mit vor den Fahrzeugen abgesaugter Luft erzeugt werden. Die meisten Unternehmen und Forschungseinrichtungen planen mittlerweile aber ein elektromagnetisches Schwebesystem. Das Teilvakuum ermöglicht Reisegeschwindigkeiten bis knapp oberhalb der bei Normaldruck bestehenden Schallgeschwindigkeit, ohne die Schallmauer durchstoßen zu müssen.

    Der Stand der Dinge:
    1200 Kilometer in der Stunde sind das Ziel des Hyperloop. Jetzt hat das neue Transportsystem eine Rekordmarke geknackt – ist aber immer noch weit vom Ziel entfernt.

    Mit Geschwindigkeiten jenseits der 300 ist der Hyperloop auf Teststrecken aber immer noch nicht schneller als es die schnellsten Züge der Welt sind. Den Rekord hält bislang die japanische Magnetschwebebahn Maglev, die 600 km/h im Testbetrieb schaffte. Sie soll von 2027 an die Hauptstadt Tokio mit Nagoya verbinden, mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von mehr als 500 Kilometer pro Stunde. Auch der französische Hochgeschwindigkeitszug TGV schaffte auf der Neubaustrecke zwischen Metz und Paris schon einmal 570 km/h. Elon Musk’s Firma Boring hat eine vorläufige Genehmigung für einen Hyperloop zwischen New York und Washington DC erhalten. Über einen Tunnel soll die Fahrt zwischen den beiden Städten von über drei Stunden auf 29 Minuten reduziert werden. Nach Medienberichten darf Musk mit Ausgrabungen in der New York Avenue in Washington beginnen. Bereits im Juli hatte Musk getwittert, dass er die verbale Zustimmung der Regierung erhalten hatte, einen unterirdischen Hyperloop an der Ostküste zu bauen. Und auch der britische Unternehmer und Philanthrop Richard Branson enthüllte Hyperloop-Pläne. Er will die indischen Städte Mumbai und Pune verbinden.

    Was bleibt uns Fahrgästen:
    Entspanntes Abwarten – besonders im täglichen Berufsverkehr!

    ■ Karsten van Husen


Nachhaltige Unternehmensführung (inhalte 1/2018)

  • 2014 wurde von der EU eine Richtlinie zur Erweiterung der Berichterstattung von großen kapitalmarktorientierten Unternehmen, Kreditinstituten, Finanzdienstleistungsinstituten und Versicherungsunternehmen verabschiedet, die sogenannte CSR-Richtlinie. Ziel der Richtlinie ist es, die Transparenz über ökologische und soziale Aspekte von Unternehmen in der EU zu erhöhen. 2017 wurde diese Richtlinie in deutsches Recht übertragen. Sie verpflichtet die betroffenen Unternehmen, einmal jährlich eine sogenannte „nicht-finanzielle Erklärung“ zu veröffentlichen. Kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) sind von dieser Berichtspflicht zwar nicht direkt betroffen, sollten aber ihre Chancen nutzen, den Nachhaltigkeitspfad bewusst einzuschlagen, um Wettbewerbsvorteile zu generieren.

    Chancen einer Nachhaltigkeitsstrategie für KMU:
    Im B2C-Bereich sprechen die Studien eine eindeutige Sprache. Das Interesse an Nachhaltigkeit steigt bei den deutschen Konsumenten von Jahr zu Jahr. Rund 79 Prozent der deutschen Bevölkerung setzen sich laut der 2016 erschienen Sustainability Image Score-Studie von Facit Research mit dem Thema Nachhaltigkeit grundsätzlich auseinander. Gut ein Drittel der Studienteilnehmer tut dies sogar intensiv – vier Prozent mehr als noch drei Jahre zuvor.

    In einer 2017 von digital research veröffentlichten Studie formulierten 81 Prozent der Teilnehmer sogar eine klare Erwartungshaltung in Richtung der Unternehmen, sich für Nachhaltigkeit einzusetzen. Durch die steigende Transparenz im Rahmen der Nachhaltigkeitsberichtspflicht wird sich diese Erwartungshaltung in Zukunft vermutlich noch verstärken.

    Obwohl KMU nicht der neuen Berichtspflicht unterliegen, werden die Auswirkungen mittelbarauch für sie spürbar werden. Denn die Richtlinie verlangt von den betroffenen Unternehmen Transparenz über die Nachhaltigkeit der gesamten Lieferkette und damit auch über die Nachhaltigkeitsbemühungen zuliefernder Unternehmen. Ein transparentes Nachhaltigkeitsmanagement kann sich daher auch im B2B-Bereich für kleine und mittlere Zulieferbetriebe zu einem echten Wettbewerbsvorteil entwickeln.

    Auch im zunehmenden Wettbewerb um junge Fachkräfte zahlt sich eine nachhaltige Unternehmensführung und Personalpolitik aus. Gerade Berufsstarter wollen sich mit ihrem Arbeitgeber identifizieren können. Dass Unternehmen, die dieses Bedürfnis bedienen, zufriedenere Mitarbeiter haben und leichter Talente anwerben können, zeigt eine Studie des Instituts für berufliche Bildung und Arbeitslehre der TU Berlin.

    Insgesamt lässt sich festhalten: Eine nachhaltige Unternehmensausrichtung zahlt positiv auf das Image und die Reputation eines Unternehmens, seine Wettbewerbsfähigkeit sowie seine Kunden- und Mitarbeiterbindung ein.

    Stärken von KMU bei der Einführung einer Nachhaltigkeitsstrategie:
    Gerade KMU sollten darüber nachdenken, eine klare Nachhaltigkeitsstrategie für das eigene Geschäftsmodell zu entwickeln und diese kommunikativ zu nutzen.

    Denn KMU haben eine natürliche strukturelle Nähe zu nachhaltiger Unternehmensführung und sind in ökonomischer, ökologischer und sozialer Hinsicht häufig bereits gut aufgestellt.

    Insbesondere Familienunternehmen haben meist einen langfristigeren Blick auf ihre ökonomische Entwicklung als manch managementgeführtes Großunternehmen. Denn sie haben bei der Ressourcenplanung die Perspektive der nachfolgenden Generation im Fokus – und eben nicht kurzfristige Gewinnziele zur Befriedigung von Aktionärsinteressen.

    Schon aus eigenem Interesse leisten KMU häufig durch soziales Engagement, Förderung von Sport, Kultur und Bildung einen wichtigen Beitrag zum Gemeinwohl und zur Stärkung der Region, denn sie sind dort fest verwurzelt und auf die Infrastruktur sowie das Funktionieren der gesellschaftlichen Strukturen vor Ort angewiesen.

    Vorteile ergeben sich zudem aus den oft schlanken Strukturen. Eine überschaubare Größe und Komplexität sowie eine enge Beziehung zwischen Geschäftsführung und Eigentümer – häufig sogar in Personalunion – ermöglichen es, flexibel zu handeln und Maßnahmen einer Nachhaltigkeitsstrategie schnell umzusetzen.

    Die wichtigsten Fragen auf dem Weg zu einer Nachhaltigkeitsstrategie

    Wer die Vorteile einer nachhaltigen Ausrichtung bewusst für sein Unternehmen nutzen möchte, sollte sich zuvor einige Fragen beantworten:

    1.) Wofür soll das Unternehmen stehen? Eine Mission und ein konkretes Ziel sind die Basis einer erfolgreichen Nachhaltigkeitsstrategie.

    2.) Was sind die Stärken und Schwächen des Unternehmens? Nachhaltigkeitsmaßnahmen sollten zum Unternehmen passen und eine natürliche Verbindung zum Geschäftsmodell haben.

    3.) Was erwarten die Kunden vom Unternehmen? Die Vorstellungen von Kunden und anderen Stakeholdern sollten unbedingt berücksichtigt werden.

    4.) Wie kann ich mein Ziel messen und welche Zwischenziele erscheinen greifbar? Zwischenziele helfen die eigene Motivation und die der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aufrecht zu erhalten. Diese Ziele und Zwischenziele sollten regelmäßig überprüft und ggf. angepasst werden.

    Entscheidend für das Heben von Wettbewerbsvorteilen ist aber am Ende, Erfolge auch zu kommunizieren. Denn das Motto muss lauten: Tue Gutes und rede darüber.

    Wichtige Meilensteine der Nachhaltigkeitsdiskussion und CSR-Berichtspflicht:

    1713
    Hans Carl von Carlowitz formuliert angesichts einer drohenden Holzknappheit erstmals, dass immer nur so viele Bäume geschlagen werden sollten, wie durch Aufforstung nachwachsen konnten und forderte eine „nachhaltende“ Nutzung des Waldes.
    1972
    Der erste Bericht des Club of Rome unter dem Titel „Grenzen des Wachstums“ zeigt die Endlichkeit natürlicher Ressourcen auf.
    1980
    Die „World Commission of Environment and Development“ (WCED) wird gegründet und setzt die Brundtland-Kommission ein.
    1987
    Der sog. Brundtland-Bericht unter dem Titel „Unsere gemeinsame Zukunft“ wird veröffentlicht und definiert Nachhaltigkeit neu als „Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können“.
    1992
    Die Weltkonferenz in Rio de Janeiro leitet den „Rio-Prozess“ ein. Die Agenda 21 und verschiedene Konventionen zu Umwelt- und Entwicklungsfragen werden beschlossen.
    1997
    Die UN-Klimakonferenz verabschiedet das Kyoto-Protokoll.
    2002
    Der Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung in Johannesburg verabschiedet neue Ziele und die Bundesrepublik Deutschland legt ihre erste Nachhaltigkeitsstrategie vor.
    2014
    Das Europäische Parlament und die Mitgliedstaaten der EU verabschieden die sog. CSR-Richtlinie zur Erweiterung der Berichterstattung von großen kapitalmarktorientierten Unternehmen.
    2017
    Deutschland setzt die Richtlinie in nationales Recht um (CSR-Richtlinie-Umsetzungsgesetz).

    ■ Ruth Snethkamp


Der einfache Umgang mit Journalisten (inhalte 1/2018)

  • Einmal auf Seite Eins der großen Zeitungen stehen – für diesen Traum eines Unternehmens ist eine kontinuierliche Presse- und Öffentlichkeitsarbeit ein wichtiger und notwendiger Schritt. Und das gilt nicht nur für die großen Global Players auf dem Markt.

    Auch kleine und mittelständische Unternehmen können mithilfe eines geschickten Umgangs mit Pressevertretern einiges erreichen.

    Das eigene Image aktiv zu steuern, ist für ein Unternehmen häufig schwer. Ein guter Kontakt zu Vertretern der öffentlichen Meinung – den Journalisten – bringt dabei allerdings viele Vorteile. Im Gegensatz zum Marketing adressiert die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit ihre Texte an Medienvertreter, die diese dann für die breite Masse zugänglich machen.

    Die Journalisten sind dabei Multiplikatoren der gezielten Botschaften, die das Unternehmen senden will. Für eine gelingende Partnerschaft der Unternehmens- und Medienvertreter ist ein guter und stetiger Kontakt unerlässlich. Aber wie kann ein Unternehmen diesen Kontakt herstellen und pflegen? Die einfachste Form der Kontaktpflege sind Pressemitteilungen, die das Unternehmen in Richtung der Redaktionen herausschickt. In dieser Mitteilung können neue Produkte, anstehende Ereignisse, Veranstaltungen oder Personalien vorgestellt werden. Allerdings gibt es keine Veröffentlichungspflicht der Mitteilung. Wenn bei der Pressearbeit aber die journalistischen Nachrichtenwerte beachtet werden, ist die Chance auf Veröffentlichung höher:

    ◗◗ Aktualität: Ist der Inhalt der Mitteilung neu oder hat sie einen aktuellen Bezug?
    ◗◗ Prominenz: Ist eine bekannte Person betroffen?
    ◗◗ Nähe: Bezieht sich die Nachricht auf die unmittelbare Umgebung des Unternehmens?
    ◗◗ Betroffenheit: Ist etwas Schlimmes passiert?
    ◗◗ Tragweite/Reichweite: Wie weitreichend ist der Inhalt der Mitteilung?
    ◗◗ Schaden/Nutzen: Schadet oder nutzt die Neuigkeit vielen?
    ◗◗ Emotionalität: Regt das Thema der Mitteilung zum Nachdenken an oder bewegt es Menschen?
    ◗◗ Spannung: Fesselt der Inhalt der Mitteilung?
    ◗◗ Kuriosität: Klassisches Prinzip „Mann beißt Hund“ anstelle von „Hund beißt Mann“.

    Bei größeren Neuerungen oder Themen mit besonderer Relevanz für die Öffentlichkeit eignet sich zusätzlich zu einer Mitteilung eine Pressekonferenz, zu der verschiedene Journalisten eingeladen werden. Zuerst stellen einige Unternehmensvertreter in kleinen Einführungsstatements die Neuerungen vor oder informieren über bestimmte Themen. Im Anschluss dürfen die Medienvertreter Fragen stellen. Es gibt aber auch die Möglichkeit, in einem Hintergrundgespräch einem vertrauten Journalisten Informationen bereitzustellen, die nur nach Absprache verwendet werden dürfen.

    In Vor-Ort-Terminen bieten Pressegespräche einen persönlicheren Rahmen für die eingeladenen Journalisten. Dort können sie aktiv Fragen stellen. Die Journalisten werden dabei mehr in den Kommunikationsprozess eingebunden als bei Pressekonferenzen. Aber Achtung: Der Anlass muss ein Vor-Ort-Gespräch rechtfertigen. Das Gegenstück dazu ist der Redaktionsbesuch. Die Vertreter des Unternehmens besuchen Journalisten nach Absprache an ihrem Arbeitsplatz. Dabei geht es eher um einen informativen Austausch und die Kontaktpflege.

    Positiv für die Außendarstellung des Unternehmens ist die zusätzliche Positionierung der eigenen Mitarbeiter als Experten auf ihrem Gebiet. Neben den Führungskräften, die häufiger in Pressemitteilungen oder -terminen zu Wort kommen, können die Mitarbeiter einer Abteilung dem Journalisten nähere Informationen zu bestimmten Themengebieten geben. Hilfreich wäre es deshalb, eigene Mitarbeiter als Experten für Interviews oder als Ansprechpartner für andere Formate zur Verfügung zu stellen.

    Presse- und Öffentlichkeitsarbeit bietet viele Facetten, um mit Journalisten in Kontakt zu treten. Nur wenn der Kontakt auch gepflegt wird, kann ein dauerhaft gutes Verhältnis zwischen Medien- und Unternehmensvertretern entstehen. Insbesondere für kleine und mittelständische Unternehmen bietet es sich also an, die regionalen Medien kontinuierlich anzusprechen und mit Informationen zu versorgen.

    ■ Henrika Huil


„Eigentum“ an Mobilitätsdaten - Wem gehören die Daten aus dem Auto? (inhalte 1/2018)

  • Bei kaum einem Thema wird so kontrovers gehandelt wie beim Thema Datenweitergabe. Millionen von Nutzern moderner Kommunikationsmedien geben arglos oder willentlich sensible Daten preis. Andererseits steigen bei den Nutzern die Erwartungen an den Schutz personenbezogener Daten.

    Wenn man an das Sammeln von Daten denkt, hat man in erster Linie das Internet bzw. internetbasierte Anwendungen wie Facebook, Twitter, WhatsApp oder Cloud-Anwendungen im Sinn.

    Eine offensichtliche Datenquelle wird bisher übersehen: Das Automobil. Durch die ständige Weiterentwicklung und Vernetzung unserer Autos werden sie zu immer größeren Datenlieferanten.

    Und auf diese Datenquelle hat bisher allein einer Zugriff: Der jeweilige Hersteller des Fahrzeugs.

    Ist das richtig so? Wem gehören eigentlich die beim Fahrzeugbetrieb anfallenden Daten? Dem Fahrzeughersteller? Dem Halter oder Fahrer des Fahrzeugs? Vielleicht beiden? Was ist, wenn es sich um ein Leasingfahrzeug handelt? Gehören die Daten dann dem Leasinggeber, also dem Fahrzeugeigentümer oder dem Kfz-Halter, der es für gewöhnlich nutzt? Gibt es rechtlich überhaupt ein „Eigentum“ an Daten?

    Das sind Fragen, die auch das Bundesverkehrsministerium interessieren und die so schwer zu beantworten sind, dass es dazu die Studie „Eigentumsordnung an Mobilitätsdaten?“ in Auftrag gegeben hatte. Im Sommer 2017 wurde die Studie veröffentlicht und befindet sich zurzeit in einer breiten Fachkonsultation, die sich an sämtliche Interessenträger u.a. aus der Wirtschaft, Wissenschaft, Verwaltung, Instituten und Verbraucherschutzorganisationen richtet. Die Klärung der Eigentumsfrage ist Basis für die Erschließung neuer Geschäftsmodelle. Die Diskussion dazu dauert aktuell noch an.

    Einigkeit besteht darüber, dass Daten marktfähige und damit finanziell relevante Güter sind. Ebenfalls klar zu sein scheint, dass Datenmonopole vermieden werden müssen. Aus diesem Grunde müssen Mobilitätsdaten Gegenstand einer regulatorischen gesetzgeberischen Initiative sein.

    Ein Ausschnitt zu diesem Thema – die Speicherung von Daten in Kfz mit hochautomatisierten Systemen – wurde im Januar auf dem Verkehrsgerichtstag in Goslar diskutiert. Die dort vertretenen Experten empfahlen, solche Daten nicht nur im Kfz selbst („black box“), sondern auch außerhalb bei „einem unabhängigen Dritten“ zu speichern.

    Damit ist die richtige Zielrichtung vorgegeben. Nicht nur die Autohersteller, sondern Dritte müssen einen Datenzugriff haben können. Die Autofahrer selbst müssen frei entscheiden können, ob, wann und wem sie welche Daten senden. Dadurch werden dann ganz praktische Fragen beantwortet: Die Unfallmeldung aus dem Fahrzeug geht sofort an die Notrufzentrale. Wohin geht sie noch? An den Autohersteller? Oder besser gleich an den Versicherer, damit dieser die Bergung des Fahrzeugs und die schnellstmögliche Schadensregulierung veranlassen kann?

    Die Frage nach der Hoheit über solche Daten ist aktuell auch Gegenstand der Petition „data4drivers“, die sich klar positioniert: Die im Auto anfallenden Daten gehören nicht den Automobilherstellern, sondern in die Hände der Autofahrer.

    WER SOLL DIE HOHEIT ÜBER IHRE DATEN HABEN? ENTSCHEIDEN SIE SELBST: WWW.DATA4DRIVERS.EU

    ■ Rainer Rathmer


DIHK-Report zur Unternehmensnachfolge (inhalte 1/2018)

  • Mit dem DIHK-Report zur Unternehmensnachfolge 2017 legte der Deutsche Industrie- und Handelskammertag wieder seine jährliche Einschätzung zur Nachfolgesituation im deutschen Mittelstand vor.

    Die Unternehmensnachfolge wird im Mittelstand zu einer immer größeren Herausforderung. Hauptgründe für die zunehmend enge Situation sind dem DIHK zufolge neben der demografischen Entwicklung der Unsicherheitsfaktor Erbschaftssteuer und Finanzierungsschwierigkeiten, trotz derzeit günstiger Konditionen. Nicht zu vernachlässigen sei auch die emotionale Komponente. Gut ein Drittel der Senior-Unternehmer tue sich beim Abschied vom Lebenswerk schwer. Das führe häufig zu überhöhten Kaufpreisen oder dazu, den Nachfolgeprozess auf die „lange Bank“ zu schieben. Zudem unterschätzten fast die Hälfte der Unternehmer die Anforderungen an eine Unternehmensnachfolge.

    Das empfehlen die IHKs:
    1. „Vorbereitung ist alles“: Etwa drei bis zehn Jahre vor der geplanten Übergabe sollte der Inhaber damit beginnen, sein Unternehmen fit für die nächste Chef-Generation zu machen. Ist das Angebot noch zukunftsorientiert? Stimmen die Margen? Ist die Produktion auf dem neuesten Stand? Muss neu investiert werden? Stimmt die Unternehmensorganisation? Hat das Unternehmen die richtigen Zulieferer und Finanzierungspartner?
    2. Nachfolger finden: Spätestens drei Jahre vorher mit der Suche nach einem Übernehmer beginnen.
    3. Unternehmen übergeben: Spätestens zwölf Monate vorher den Prozess der Übergabe beginnen.
    4. „Stunde Null“:
    Nach Übergabe des Unternehmens muss das Spannungsfeld der Interessen von Inhaber, Familie, Nachfolger und Unternehmen gelöst sein. Die Vorkehrungen hierfür sind lange vorher zu treffen (siehe 1.)

    Darüber hinaus raten die IHKs einen „Notfallkoffer“ zu packen, in dem alle wichtigen Dokumente und Vollmachten übersichtlich für einen Nachfolger zusammengestellt sind. Diesem Ratschlag sind erst 30 Prozent aller Senior-Unternehmer gefolgt, obwohl ein solches Versäumnis das Unternehmen schnell in Existenzkrisen stürzen kann – wenn etwa bei Krankheit des Eigentümers keine Entscheidungen getroffen werden können und beispielsweise kein Zugang zu Finanzmitteln gewährleistet ist. 

    ■ Anne Hilchenbach

    Quelle: Unternehmensnachfolge – die Herausforderung wächst. DIHK-Report zur Unternehmensnachfolge 2017,
    Stand Dezember 2017


Achtung! Neue Gesetzeslage zum 1. Januar 2018 (inhalte 1/2018)

  • Sind Sie Händler oder Handwerker und verkaufen Waren? Dann sollten Sie unbedingt weiterlesen ...

    ... denn seit dem 1. Januar 2018 hat sich die Gesetzeslage geändert. Die Haftung für Sie als Händler oder Handwerker hat sich damit nochmals verschärft. Damit der Erfolg und die Existenz Ihres Unternehmens nicht gefährdet werden, ist besonderer Versicherungsschutz gefragt.

    Wie war es bisher?
    Händler und Handwerker haften – im Rahmen des Gewährleistungsrechts – ohne eigenes Verschulden für Mängel an der verkauften Ware. Das Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) aus dem Jahre 2011 (C 65/09) verschärfte nochmals die Haftung und erweiterte den Anspruch des „privaten Käufers“ einer beweglichen Sache auf „Aus- und Einbaukosten“. Dieses Urteil bezog sich nur auf den sogenannten „Verbrauchsgüterkauf “.

    Der Verbrauchsgüterkauf ist der Verkauf einer beweglichen Sache von einem Unternehmer an den Privatkäufer als Endverbraucher. Oftmals wird auch der Begriff B2C-Geschäft verwendet (B2C = Business to Custumer – Unternehmer zu Privatkunde). Bewegliche Sachen sind Gegenstände, die von einem Ort zum anderen gebracht werden können, also mobil sind.

    Ein Beispiel hierzu: Der „Fliesen-Fall“
    Ein Kunde kaufte in einem Baumarkt Bodenfliesen eines italienischen Herstellers. Die polierten Fliesen ließ er durch eine Fachfirma verlegen. Kurz nach Abschluss der Arbeiten stellte der Kunde einen Grauschleier auf den Fliesenoberflächen fest, der auf produktionsbedingte Mikroschleifspuren zurückzuführen war.

    Der Kunde verlangte vom Baumarktbesitzer den Ersatz der Fliesen und zusätzlich die „Kosten für den Ausbau der schadhaften Fliesen und die Neuverlegung“. Die Richter sprachen dem Kunden eine angemessene Entschädigung für die angefallenen Aus- und Einbaukosten zu.

    Was hat sich geändert?
    Neue Gesetzeslage ab 1. Januar 2018 (§ 439 Abs. 3 BGB neue Fassung): Die Austauschpflicht – in dem o.g. Fall also der Ausbau der schadhaften Fliesen und die Neuverlegung – besteht jetzt unabhängig davon, ob der Käufer privater oder gewerblicher Abnehmer ist. Damit erhöht sich für Sie als Unternehmer nochmals das Risiko. Denn Sie haften nicht nur bei dem Verkauf an den Privatkunden, sondern jetzt auch bei dem Verkauf an andere Unternehmer bzw. gewerbliche Abnehmer. Häufig wird auch der Begriff B2BGeschäft verwendet (Business to Business – Unternehmer zu Unternehmer).

    Wie können Sie sich absichern?
    Besonderer Versicherungsschutz für den Ersatz der Aus- und Einbaukosten ist gefragt! Dieser ist üblicherweise nicht in der Betriebshaftpflichtversicherung enthalten. Die Erweiterte Produkt-Haftpflichtversicherung deckt diese Kosten ab – ein unverzichtbarer Zusatzschutz für Händler und Handwerker.

    ■ Jutta Hülsmeyer


Entlastungsangebot für pflegende Angehörige: Sinnvoll, aber wenig bekannt (inhalte 1/2018)

  • Pflegende Angehörige sind extrem belastet. Noch relativ unbekannt ist, dass bereits zum 1. Januar 2015 ein Gesetz zur besseren Vereinbarkeit von Familie, Pflege und Beruf in Kraft getreten ist, mit dem die bestehenden Regelungen im Pflegezeitgesetz und im Familienpflegezeitgesetz weiter entwickelt und besser miteinander verzahnt wurden. Im Ergebnis eröffnen sich dadurch notwendige Freiräume, die Pflegende dringend benötigen: Zum Beispiel die teilweise Freistellung für die häusliche Pflege naher Angehöriger. Damit wird Arbeitnehmern ermöglicht, über einen Zeitraum von bis zu zwei Jahren Pflege und Beruf besser miteinander zu vereinbaren.

    Seit dem 1. Januar 2015 haben Beschäftigte einen Rechtsanspruch auf Familienpflegezeit. Dadurch können sie eine (teilweise) Freistellung für die häusliche Pflege von nahen Angehörigen von bis zu 24 Monaten bei einer wöchentlichen Mindestarbeitszeit von 15 Stunden beanspruchen. Haben sie zunächst eine Reduzierung der wöchentlichen Arbeitszeit für einen kürzeren Zeitraum beantragt, lässt sich der Zeitraum der Freistellung mit Zustimmung des Arbeitgebers bis zur Höchstdauer von 24 Monaten verlängern. Wenn ein vorgesehener Wechsel/Austausch der Pflegeperson aus einem wichtigen Grund nicht erfolgen kann, haben Beschäftigte gegenüber ihrem Arbeitgeber sogar einen Anspruch auf die Verlängerung der Familienpflegezeit.

    Auch um minderjährige pflegebedürftige nahe Angehörige im eigenen Zuhause oder im außerhäuslichem Umfeld betreuen zu können bietet das Familienpflegezeitgesetz den Beschäftigten die Möglichkeit der Freistellung: Entweder die teilweise Freistellung bis zu 24 Monaten bei einer wöchentlichen Mindestarbeitszeit von 15 Stunden oder (nach dem Pflegezeitgesetz) eine vollständige oder teilweise Freistellung bis zu sechs Monaten. Dies gilt übrigens auch für die Begleitung von nahen Angehörigen in der letzten Lebensphase.

    Generell gilt: Auch bei Kombination der verschiedenen Freistellungsansprüche aus beiden Gesetzen beträgt die Dauer der Arbeitszeitreduzierung maximal 24 Monate.

    Ausnahmeregelung zum Schutz kleinerer Unternehmen

    Kleinere Unternehmen können den durch die Arbeitszeitreduzierung bedingten Teil-Ausfall von Beschäftigten oft nur schlecht kompensieren. Deshalb gilt der Anspruch auf Arbeitszeitreduzierung nach dem Familienpflegezeitgesetz nicht gegenüber Arbeitgebern mit in der Regel 25 oder weniger Beschäftigten (Auszubildende zählen hier nicht mit).

    Kompensation des Lohnausfalls durch zinsloses Darlehen

    Zum Ausgleich des Lohnausfalls bei Freistellung nach dem Familienpflegezeitgesetz können Beschäftigte ein zinsloses staatliches Darlehen erhalten. Über Einzelheiten informiert das Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben. Dort ist es auch zu beantragen.

    Ausweitung des Personenkreises „nahe Angehörige“

    Mit Inkrafttreten des Gesetzes wurde auch der unter den Begriff "nahe Angehörige" gefasste Personenkreis erweitert. Partner in einer lebenspartnerschaftsähnlichen Gemeinschaft sowie Stiefeltern und Ehegatten der Geschwister und Geschwister der Ehegatten, Lebenspartner der Geschwister und Geschwister der Lebenspartner gehören seither dazu.

    „Frei“-Zeit für Angehörige, die eine akut aufgetretene Pflegesituation organisieren

    Angehörige können sich bis zu zehn Arbeitstage von der Arbeit freistellen lassen und dafür einen Lohnersatz, das Pflegeunterstützungsgeld, beanspruchen.

    Pflegeberatung der Pflegekassen unbedingt nutzen!

    In jedem Fall ist es ratsam, sich von Pflegeberatern der Pflegekasse individuell beraten zu lassen. Diese Pflegeberatung kann auch vor Ort in der häuslichen Umgebung der Pflegebedürftigen und ihrer Angehörigen erfolgen. Dabei wird das gesamte Spektrum möglicher Leistungen und anderer Hilfen (wie z. B. Tages-, Kurzzeit oder Verhinderungspflege) angesprochen.

    Wichtig: Private zusätzliche Vorsorge bleibt notwendig

    Die verbesserte Vereinbarkeit von Familie, Pflege und Beruf ist ein wichtiger Schritt. Allerdings ändert er nichts daran, dass Pflege teuer und ihre Finanzierung nicht gesichert ist. Auch das Gesundheitsministerium empfiehlt deshalb eine private Zusatzversicherung zur Vorsorge im Pflegefall. Die private Vorsorge sorgt Tag für Tag zumindest für eine finanzielle Entlastung. Denn die staatliche Pflegepflichtversicherung deckt nur etwa die Hälfte der Kosten.

    Verantwortungsbewusste Menschen, die ihr Pflegekostenrisiko und das ihrer Angehörigen spürbar reduzieren möchten, sollten frühzeitig handeln. Denn je früher die Entscheidung für einen Pflege-Tagegeldtarif fällt, umso günstiger sind dafür die monatlichen Beiträge. Das rechnet sich sogar dauerhaft.

    ■ Norbert Schulenkorf



Das dritte Geschlecht - Oder wieso gibt es eigentlich nur rosa ODER blaue Strampler? (inhalte 1/2018)

  • „Weiblich“, „männlich“ oder etwa „inter/„divers“, diese Auswahlmöglichkeiten werden wir in Zukunft haben, wenn wir unsere Personalien angeben müssen. Bis zum Ende des Jahres 2018 muss der Gesetzgeber eine Neuregelung schaffen, die das dritte Geschlecht berücksichtigt.

    Ist es denn wichtig, diesen wenigen Menschen ein Gehör zu verschaffen?

    Diese Frage stellen sich Anfang November 2017 viele, denn zu diesem Zeitpunkt verpflichtet das deutsche Bundesverfassungsgericht den Gesetzgeber, bis Ende 2018 einen dritten Geschlechtsbegriff neben männlich und weiblich im Geburtenregister einzuführen.

    „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ Anhand dieses Abschnitts aus dem Bundesgesetzbuch können wir uns fragen, ob es würdevoll wäre, wenn wir andere Sexualitäten nicht akzeptieren würden.

    Ein bis zwei Menschen von 1000 sind Schätzungen zufolge intersexuell. Sie lassen sich nicht eindeutig einem Geschlecht zuordnen. Das unterscheidet sie von Transsexuellen, diese fühlen sich dem anderen als ihrem biologischen Geschlecht zugehörig.

    Klassische Namen setzen bereits zur Geburt ein Statement. Meist wird den intersexuellen Kindern ein Geschlecht zugeschrieben und die dazugehörige Geschlechtszugehörigkeit auch erwartet. Um nicht aufzufallen und keine Ausgrenzung Gleichaltriger zu riskieren  erfolgt eine Anpassung an diese Geschlechterrolle. In den Jahren der Pubertät und der Auseinandersetzung mit der eigenen Sexualität werden spätestens Unterschiede zum eigenen und Gemeinsamkeiten zum anderen Geschlecht gefunden. Dann stellt sich meist die Frage:

    „Was bin ich eigentlich? Männlich oder weiblich?“ Wer hat uns beigebracht was typisch männlich oder weiblich ist? Woher kommen diese beiden Schubladen, in die wir uns so oft zwängen lassen? In anderen Ländern werden bereits seit Jahren andere Geschlechter berücksichtigt und akzeptiert.

    Auf der indonesischen Insel Sulawesi gibt es zum Beispiel fünf anerkannte Geschlechter, die Gesellschaft der Stadt Amarete in Bolivien kennt sogar zehn und im Vereinigten Königreich kann man im Ausweis eine geschlechtsneutrale Anrede beantragen.

    Wir sehen also, dass die anerkannte Geschlechteranzahl von Gesellschaft zu Gesellschaft verschieden ist. Es gibt scheinbar kein allgemeingültiges Richtig oder Falsch. Aber wieso konnte sich in Deutschland die Überzeugung festsetzen, dass es nur zwei Geschlechter gibt? Zunächst einmal stiftet die Zuordnung zu einem männlichen oder weiblichen Geschlecht einen für uns logischen Sinn und dient als Vereinfachung, um nicht jeden Tag nach der Sinnhaftigkeit dieser Einteilung zu fragen. Des Weiteren bieten viele wissenschaftliche Ansätze Antworten auf diese Sinnfrage. Der bekannteste Ansatz unter ihnen wird als „doing gender“ bezeichnet.

    Die Annahme der geschlechtsspezifischen Rolle wird in dieser Theorie nicht als biologische Tatsache angenommen sondern vielmehr als interaktive Hervorbringung eines Individuums betrachtet. Die Unterscheidung zwischen Mann und Frau ist somit ein entstehendes Ergebnis sozialer Situationen und ein kontinuierlicher Prozess des Erwerbs und der Aneignung von geschlechtsspezifischen Fertigkeiten und Eigenschaften. Die Sprache, die sowohl existierende Dinge beschreibt, bezeichnet und repräsentiert, unterstützt diese Theorie. Sprache kann aber noch mehr, denn sie stiftet in vielerlei Hinsicht Bedeutungen. Sie hat dementsprechend eine produktive Eigenschaft.

    „Es ist ein Junge“, diese Worte durch die Hebamme oder einen Arzt setzen also den Startschuss zu einer lebenslangen geschlechtsspezifischen Sozialisation.

    Irgendwann wird der Junge in einem Spielzeuggeschäft stehen und sich für eine rosa Glitzerpuppe interessieren. Der Satz der amerikanischen Philosophin Judith Butler fasst diese Situation zusammen:

    Natürlich stellt sich die Frage, ob ein einzelnes Gesetz und die Möglichkeit einer Mehrauswahl hinsichtlich der einzutragenden Personalien, dieses Rollendenken ins Wanken bringt. Ein Schritt in Sachen Vielfalt ist es auf jeden Fall. Die Tatsache, dass Vielfalt in jeglicher Hinsicht positiv sein kann, muss sich allerdings noch in unserem Bewusstsein verankern. Wenn Sie möchten, führen Sie doch mal folgendes Gedankenexperiment durch:

    Ein Mensch hat ein bestimmtes Problem zu lösen, und er kommt auf drei mögliche Lösungswege. Wie viele verschiedene Ansätze würden wohl zehn Menschen finden, die genauso denken wie dieser eine Mensch? Und wie viele Lösungsansätze würden demgegenüber zehn Menschen finden, die völlig unterschiedlich denken und unterschiedliche Perspektiven einbringen?

    Nehmen wir einmal an, dass diverse Menschen gemeinsam mehr Ideen generieren, welche Verschwendung wäre es da, dieses Potential nicht auszuschöpfen und immer nur seine eigene Suppe zu kochen?

    Fassen wir einmal zusammen: Wir lösen in der jetzigen Zeit ein angebliches Problem, für welches wir selbst verantwortlich sind. Ein Paradox in jeglicher Hinsicht, für das nun eine erste Lösung durchgesetzt wird, die wir annehmen sollten, um unseren Horizont zu erweitern.

    ■ Ann-Kathrin Lindemann


Werbungskosten durch Vorhalten einer Wohnung am Arbeitsort während der Elternzeit (inhalte 1/2018)

  • Wenn eine Wohnung am Arbeitsort während der Elternzeit beibehalten wird, so ist dies ausschließlich mit beruflichen Gründen zu rechtfertigen.

    Folgender Sachverhalt: Die in einem Krankenhaus beschäftigte Ärztin wohnte und arbeitete in A. Sie unterhielt dort eine 2,5-Zimmer-Wohnung. Nach der Geburt ihres Kindes zog sie mit ihrem Lebensgefährten zusammen. Der Familienwohnsitz war seit dem in B.

    Während der dreijährigen Elternzeit kündigte sie ihre in A. gelegene Wohnung nicht auf. Ihre Planung sah vor, das Beschäftigungsverhältnis in A. nach dem Auslaufen der Elternzeit wieder aufzunehmen. Die Wohnung lag günstig zum Arbeitsort und die Miete war günstig. Außerdem herrschte in A. starker Wohnungsmangel.

    Der Auszug aus der bisherigen Wohnung mit späterer neuer Wohnungssuche wäre mit erheblichen finanziellen und organisatorischen Aufwendungen verbunden gewesen.

    Die Argumente überzeugten das Finanzgericht Berlin-Brandenburg. Es berücksichtigte die Aufwendungen als Werbungskosten.

    ■ Hans-Peter Süßmuth


Immer wieder: Das Arbeitszimmer - Abgrenzung eines häuslichen Arbeitszimmers von einer Betriebsstätte (inhalte 1/2018)

  • Werden betrieblich genutzte Räume in die häusliche Sphäre eingebunden, so sind sie nur dann als Betriebsstätte anzuerkennen, wenn sie nach außen erkennbar für einen intensiven und dauerhaften Publikumsverkehr vorgesehen sind. So entschieden vom Bundesfinanzhof.

    Im vorliegenden Fall hatte ein Versicherungsmakler für seine Tätigkeit im Obergeschoss des Hauses seiner Tochter, in welchem er auch wohnte, einen Büroraum mit davor liegendem Flurbereich und einer Gästetoilette angemietet. Die darauf entfallenden Aufwendungen machte er in voller Höhe als Betriebsausgaben geltend. Das Finanzamt qualifizierte die Räume als häusliches Arbeitszimmer und lehnte den Betriebsausgabenabzug ab.

    Das Gericht folgte der Auffassung des Finanzamtes. Bei der Eingliederung der betrieblich genutzten Räume in den Wohnbereich fehle es an der nach außen gerichteten Widmung für den Publikumsverkehr.

    ■ Hans-Peter Süßmuth

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